Nina Kay im Interview

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Cover: © Nina Kay

Wie bist du zum Schreiben gekommen, und wie lange schreibst du schon?

Ich schreibe seit über 15 Jahren, davon drei professionell und herzeigbar.
Erzählt habe ich eigentlich schon immer, nur nicht mit Worten, das ging etwa los, als ich damals Fanfiktions entdeckte und begeistert konsumierte (selbst hab ich sie übrigens nie geschrieben). In einer Zeit, die für persönlich sehr schlimm war, war die Flucht in Parallelrealitäten eine willkommene Gelegenheit, und auf diesem Weg habe ich auch eine meiner heute längsten Freundinnen und Kolleginnen kennengelernt. Sie war damals gerade mit ihrem ersten Verlagsvertrag zugange, fand meine Geschichten auf derselben Plattform, wo auch sie veröffentlichte, und sagte einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Nina, du gehörst nicht ins Internet, du gehörst in die Bücherregale dieser Welt.“
Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin, sondern vermutlich noch immer leise und still in meinem Kämmerlein verborgen vor mich hinerzählend.

Welche Aspekte sind dir in deinen Büchern wichtig, was willst du vermitteln?

Ich fing mit Young/NewAdult an, und schon da war es mir wichtig, in die tiefsten Abgründe und luftigsten Höhen menschlicher Emotionen zu blicken. Sie sind so vielfältig und komplex, dass es eine lebenslange Herausforderung ist, für jeden Aspekt das richtige Wort zu finden. Seit ich vor über einem Jahr in die queere NewAdult gewechselt bin (und auch nichts anderes mehr schreiben werde), liegt mein Fokus zusätzlich darauf, diesen Unterschied nicht mehr zu machen. Meine Protagonisten sind immer zwei Männer, und es ist mir wirklich ein Anliegen, diese verfluchten Rollenbilder aus dem Kopf zu bekommen, denen auch sie sich im realen Alltag stellen müssen. Sie dürfen weinen, sie dürfen wütend werden, sie dürfen sich hübsch machen, sie dürfen schweigen oder zu viel reden, schüchtern sein, selbstsicher, traurig, glücklich, auf genau die Art, die ihr Charakter zulässt. Ich schreibe auch keine BadBoys oder Nerds, denn Klischees schränken (nicht nur mich) ein, und jede Geschichte darf sich rein aus den Figuren heraus entwickeln.

Worüber würdest du gerne einmal schreiben, hast dich bisher aber noch nicht herangetraut?

Kindesmissbrauch tatsächlich.

Welche Autoren liest du selbst gerne und warum?

Jodi Picoult, weil sie unglaubliche Fähigkeiten im Umgang mit Worten hat. Ihr Stil war prägend für meine Anfänge.
Antonia Michaelis, ihr ›Märchenerzähler‹ ist für mich eine der tragischsten, echtesten und abgründigsten Geschichten, die man, so wie sie, nur in poetische Worte fassen kann.
Kira Mohn, weil ihre Bücher kein überlautes Drama brauchen. Sie schreibt sehr leise und zart und an den richtigen Stellen humorvoll. Ihr neuester Roman ›Wild Like A River‹ ist mein persönliches Highlight dieses Jahr, das völlig ohne Klischees auskommt und genau das tut, was ich auch selbst tue: Aus den Figuren heraus erzählen.
Und sonst: Jennifer Benkau, Julie Birkland, T.C. Daniels, Juli Hex.

Was tust du, wenn du eine Schreibblockade hast?

Warten. Plotten. Zuhören, immer wieder, bis ich verstanden hab, was mir der Protagonist sagen möchte.

Welches deiner Bücher liegt dir am meisten am Herzen?

Tatsächlich mein neuer Roman ›Some Say We Won’t‹, der am 30. Oktober 2020 erschien. Er hat zwei Kernbotschaften, von denen mich eine ganz besonders persönlich betrifft, und ich hoffe, dass meine Leser den beiden Männern mit offenen Herzen begegnen.

Wie gehst du mit negativen Rezensionen um? Belastet dich diese Kritik, oder versuchst du daraus für die Zukunft zu lernen? Natürlich nur, sofern es sich um konstruktive Kritik handelt.

Ja, mich belastet Kritik massiv. Ich beschönige da auch nichts oder tue so, als wäre ich hartgesotten und in mir ruhend. Es braucht, je nach Tagesform, Wochen, um den negativen Worten nicht mehr mit maßloser Traurigkeit und Wut zu begegnen. Das einzig Konstruktive, was ich daran bemerke: Es wird leichter, weil man Routine bekommt, aber einen kritikunfähigen, unsicheren Menschen kann man nicht dazu bringen, jemals darüber zu stehen.
Generell ist es aber schon so, dass ich mir so etwas auch praktisch merke und beim Schreibprozess daran denke, um zu hinterfragen, ob mir das, was das letzte Mal kritisiert wurde, hier eventuell nochmal passiert. Und wenn ja, dann weiß ich, warum ich es schon wieder tue, weil ich es mir bewusst mache. Das gibt als einziges Sicherheit, aber es ist ein sehr langsamer Prozess, der hinter verschlossenen Türen abläuft.

Was inspiriert dich zu deinen Plots?

True Crime-Serien, Krimis, Dramen, Dokumentationen und Musik.

Was würdest du dir von deinen Lesern wünschen?

Ich bin aktuell wunschlos glücklich, muss ich sagen. Ich habe eine großartige kleine Bloggercrew, tolle Kolleg*innen und so viele motivierende, begeisterte und emotionale Nachrichten im Postfach, dass es vermessen wäre, noch mehr zu wollen.
Einzige Anmerkung: Der Ich-Erzähler ist nicht der Heilige Gral 😉 Ich schreibe im personellen aus dritter Person, das wird manchmal nicht so freudig aufgenommen. Gebt dem wieder eine Chance, als ich jung war und die Büchereien plünderte, war das Gang und Gäbe.

Gibt es einen Protagonisten in deinen Büchern, den du ganz besonders liebst oder ganz besonders hasst?

Hassen tue ich niemanden. Besonders lieben ist schwer zu sagen, weil ich alle gleich absolut vergöttere. Ein bisschen sehr anstrengend, sodass ich am Schluss kurz vorm Aufgeben stand, war Miguel aus Band 2 meiner All-Dilogie. Ich wollte seine Geschichte unbedingt erzählen, aber er wollte nicht so gerne, dass ich dabei auch seine schwachen Momente sehe. Wir haben uns manchmal wirklich nicht gemocht 😃 Aber nie gehasst. Ich lieb ihn. Meinen tapferen Superhelden.

Gibt es eine bestimmte Zeit, in der du am liebsten schreibst?

Abends ab 22 Uhr.

Wie muss deine Umgebung beschaffen sein, damit du gerne schreibst?

Totenstill und reizarm. Nur mit Ohropax.

Gibt es etwas, das auf keinen Fall fehlen darf, wenn du schreibst?

Internet, für die Recherche und Synonymsuche.

Schreibst du mehrere Bücher parallel oder lieber eines nach dem anderen?

Niemals parallel, immer der Reihe nach.

Hast du alle Länder, in denen deine Bücher spielen selbst besucht, oder gibt es auch welche, die du noch gerne bereisen willst?

Ja! Ich war schon zwei Mal in den USA, leider nicht direkt in den Städten, die ich als Setting wähle, aber in einer, in der meine allererste Geschichte gespielt hat. 🙂

Entstehen alle deine Bücher in Eigenregie oder hast du bei bestimmten Phasen des Entstehungsprozesses Hilfe? Wenn ja, wo und in welcher Form?

Ich bin ein Einzelkämpfer, aber bei Plotfragen wende ich mich sehr gern an meine erfahrenen Verlagskolleginnen und gleichzeitig Seelenfreundinnen. Mich auszutauschen inspiriert mich.
Aber sonst mache ich alles selbst, vom Cover bis zum Buchsatz.
Fürs Korrektorat habe ich eine ganz wunderbare Freundin, die jeden Tippfehler findet, und natürlich meinen kleinen Testlesekreis.

Welches Buch würdest du einem Leser, der deine Bücher entdecken will, als Einstieg empfehlen?

›All The Fucks We Give‹, ganz klar. Queer, aber noch sehr unschuldig, im Findungsprozess wie ich selbst zu dem Zeitpunkt. Etwas blumig und schüchtern, was bestimmte Szenen angeht, sodass es nicht überfährt mit zu viel explizitem Content.

Was hast du als nächstes Projekt geplant?

Aktuell schreibe ich an einem Manuskript, das ich für ›All The Fucks We Give‹ liegengelassen habe (das war eine Ausnahme! Die Jungs haben so gedrängelt, und ich hing und hing in der blöden Story fest.) Es ist ein sehr schweres Thema, das ich damals nicht richtig (be)greifen konnte. Jetzt, mit zwei Männern, frei von Antigenderzwängen und mit frischem Setting, habe ich endlich die richtige Spur gefunden.

Gibt es etwas, was du noch ergänzen willst? Dann hast du JETZT die Gelegenheit. 😉

Ich find’s total toll, dass ich Teil der queeren Buch-Community sein darf. Und ich hoffe, dass es irgendwann, weder für Verlage, noch für Leser, keinen Unterschied mehr macht, wer sich im neuen Roman findet, liebt, streitet, verliert und wiederfindet.

Wo findet man dich?

Passend zum Wortspiel oben:
Sehr aktiv bin ich auf Instagram unter @ninakayos. Und bei Facebook als Nina Kay Autorin.

Interview vom 03. November 2020