von Irvin L. Kendall

Klappentext:
Jax ist der klassische einsame Wolf, der in der Schwulenszene von Amsterdam sein Unwesen treibt – bis er Leo trifft. Seinen persönlichen Engel, der die Dunkelheit erhellt, die ihm innewohnt. Zum ersten Mal verliebt und in einer festen Beziehung zu sein, macht Jax so viel Angst, dass er sich sogar endlich Farris und dessen Clique anschließt, um etwas Unterstützung zu erfahren. Immerhin steht er mit allem auf Kriegsfuß, was auch nur entfernt an Romantik und Pärchen-Kram erinnert.
Leo wundert sich so manches Mal über den Mann, den er trotz allem liebt. Hinzu gesellen sich allerlei Probleme wie Leos homophobe Familie und die eifersüchtige Neelah, mit der Jax ein Regenbogenkind hat. Am meisten Geduld braucht er jedoch für Jax‘ Trauma, das den größten Schatten auf ihre noch junge Beziehung wirft.

Eine Liebesgeschichte über die Zeit nach dem Moment, in dem sich das Paar in die Arme fällt und beschließt, zusammen zu sein.

Bild: © Buchsüchtig
Cover: © Irvin L. Kendall

Meine Meinung:
Endlich mal kein „Sie lernen sich kennen und brauchen ewig, bis sie zusammen sind“-Roman. Hier ist alles schon mehr oder weniger geklärt, denn sie sind zumindest irgendwie zusammen, wenn auch die Regeln noch nicht so ganz festzustehen schienen, was allerdings das Verhältnis zwischen Jax und Leo geradezu herrlich machte. Der eine (Leo) entspannt und zu seinen Gefühlen stehend und der andere (Jax) leicht panisch, aber trotzdem gewillt. Es war interessant, wie es Jax überforderte mit Leo eine Beziehung zu führen, denn aufgrund seiner Vergangenheit konnte ich sein Verhalten nachvollziehen. Er kämpfte so sehr mit sich, um diese Beziehung vor sich selbst und anderen einzugestehen, dass er mir direkt leidtat. Leo war da auf jeden Fall weiter und sah das Ganze gelassener. Auch fiel es ihm leicht, die Führung zu übernehmen und Jax einen Weg aufzuzeigen, wie Beziehungen funktionieren können. Er sprüht nahezu vor Tatendrang und Optimismus, was ich als sehr unterhaltsam empfand, Jax allerdings sehr zu fordern schien. Dieses Ungleichgewicht habe ich geliebt, denn trotz allem passen sie ganz wunderbar zusammen.

Nur mit Jax war das so eine Sache, denn sein Trauma machte ihm das Leben recht schwer und belastete damit auch seine Beziehung zu Leo unbewusst. Immer wieder fällt er ungewollt in seine alten Verhaltensmuster, welche seinem Glück mit Leo nicht gerade weiterhelfen, sondern es eher behindern. Auch stand er sich regelrecht selbst im Weg und aus dem ansonsten vor Selbstbewusstsein strotzendem Mann wurde hin und wieder ein Typ, der an sich und seinen Taten (ver-)zweifelt. Das war ein Punkt, den ich an ihm sehr mochte. Er legt nicht innerhalb kürzester Zeit eine unglaubwürdige 180°-Drehung hin, sondern bleibt er selbst, mit all seinen Eigenheiten und Macken. Für mich wurde er dadurch sympathischer und menschlich, denn diese überperfekten Kerle mit ihren Pseudoproblemchen, die alles können und alles wissen, gehen mir unglaublich auf die Nerven. Jax hingegen taut eher langsam auf, lässt Nähe zu und tut Dinge, die er ohne Leo niemals in Erwägung gezogen hätte, denn dieser macht fast unbewusst Jax Leben bunter und aufregender und zeigt ihm so, was er bisher verpasst hat. Und Jax schien es sehr gut zu gefallen. Manchmal weiß man gar nicht, was einem fehlt, bis man es auf einem Silbertablett präsentiert bekommt und fast zum Glück gezwungen wird.

Es herrschte allerdings nicht nur eitel Sonnenschein. Vor allem dann nicht, als Neelah auf der Bildfläche auftauchte und sich sofort als unsympathisch herausstellte. Zumindest mochte ich sie nicht.

Ja, ihr ist Schlimmes widerfahren, aber muss man sich deshalb wie ein Arschloch verhalten? Denn das ist es, was sie tut. Sie verhält sich abgrundtief egoistisch, besitzergreifend und stur, was ich weder akzeptieren noch irgendwie nachvollziehen kann. Aber das Jax durch das gemeinsame Kind an sie gebunden ist, kann er sie nicht einfach aus seinem Leben verbannen. Was ich zwar irgendwie verstehen konnte, aber vermutlich trotzdem anders geregelt hätte. Denn mit ihrem Verhalten schadet sie in erster Linie auch dem Kind. Ganz zu schweigen von der noch jungen und sich gerade entwickelnden Beziehung zwischen Jax und Leo. Wirklich eine extrem beschissene Situation, um die ich Jax nicht beneidet habe. Manchmal ist er einfach zu gut und hätte vielleicht hin und wieder egoistischer reagieren dürfen. Es ist immer schwierig, und nahezu ausweglos, wenn man an mehreren Fronten kämpfen, und dabei auch noch lernen muss, wie das ganze zwischenmenschliche Zeug funktioniert. Denn das ist nicht gerade Jax Stärke…

Die Vergangenheit, die Jax ungewollt einholte, war auf der einen Seite spannend und auf der anderen erschreckend, da sie menschliche Abgründe aufzeigte, die absolut widerlich und abartig sind. Aber sie trieben die Geschichte voran und ich habe der Auflösung entgegengefiebert, da ich einfach wissen wollte, was tatsächlich in der Vergangenheit geschehen ist. Ich mochte das Buch nicht nur deswegen, sondern vor allem wegen Jax und Leo, wegen Jax’s Freunden und der Entwicklung die einige Protagonisten durchliefen. Manche mehr und einige weniger.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, denn keiner der Charaktere blieb mir fremd oder war so absurd, dass ich mit ihm nichts anfangen konnte. Manche von ihnen habe ich sofort geliebt, andere gehasst und einfach nicht nachvollziehen können wie man so sein kann… Für mich hätte das Buch gerne ein paar Hundert Seiten mehr haben können, denn Leo war einfach zauberhaft und die Entwicklung von Jax spannend. Ich hätte die Beiden gerne noch länger begleitet, weil ich mich einfach sehr wohl mit ihnen gefühlt habe. Von mir also eine klare Leseempfehlung, wenn man nicht unbedingt die schon tausendmal erzählte Liebesgeschichte zweier Menschen lesen will, die sich durch jeden x beliebigen Kerl austauschen lassen, sondern die Charakter haben und sperrig im sehr positiven Sinne sind.

Erscheinungsdatum: 26. September 2019
Seitenzahl Taschenbuch: 309