von Yann C. Kee

Klappentext:
Ein marodes, rostzerfressenes Kreuzfahrtschiff, eine heruntergekommene Bohrinsel inmitten des Pazifik – Lebensraum für rund 800 Seelen. Dort eröffnet der charismatische Chi ein eigenwilliges Bordell. Seine Spezialität: Lakaien mit Handicaps. Haben sie keines, wird ihnen eines zugefügt. Die Hölle für all jene, die dem grausamen ‚Spielplatz‘ von Chi zugeteilt werden. Doch es gibt auch Hoffnung. Eine kleine Gruppe rund um den blinden Jeremy plant Revolutionäres. Yann C. Kees Dystopie besticht durch dichte, erotische Atmosphäre, intensive Charaktere und eine Sprache, die all das, was passiert, sichtbar werden lässt.

Bild: © Buchsüchtig
Cover: © Marta Jakubowska, Main Verlag

Meine Meinung:
Allein der Anfang des Buches ließ eine Stimmung aufkommen, die sich schwermütig und düster um mich legte, denn Carl schien mir jemand zu sein, der vor allem einsam war, verschlossen und der sich nach Dingen sehnte, die ihm aufgrund seiner Funktion verwehrt blieben. Als ich dann Chi kennenlernte, war dieser das absolute Gegenteil von Carl. Zielstrebig, einnehmend und mit einem klaren Ziel vor Augen. Ihr erstes „intimes Zusammentreffen“ war ungewöhnlich und, so kurz es auch war, doch sehr intensiv. Es barg ein Versprechen zu mehr „Erfüllung“, die aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch verfrüht wäre.

Der dystopische Hintergrund hat mir außerordentlich gut gefallen und ich habe mit den Beschreibungen Yanns ein klareres Bild der Louis Aura gewonnen und konnte mit diesen mit jeder Zeile tiefer in die Gedanken der Protagonisten vordringen. Vor allem in die Carls. Carl, der nicht spricht, aber dafür umso mehr denkt und jede winzige Kleinigkeit um sich herum aufzusaugen scheint. Vor allem dann, wenn sie Chi betrifft, über den er viel nachdenkt. Und auch Chi schien über Carl nachgedacht zu haben. Allerdings weit weniger romantisch. Eher zweckorientiert, kühl und analytisch. Er wägt Vor- und Nachteile ab und sieht in ihm scheinbar nur eine Ware, die er „gewinnbringend weiterreichen“ kann. Allein bei dem letzten Satz des Kapitel in dem er seine Absichten ausdrückte, wurde mir etwas schlecht und ich bangte um Carl und das, was ihm wohl bevorstehen könnte.

Mit jedem Satz danach, habe ich Chi mehr gehasst. Er ist berechnend, kalt, geht über Leichen und darüber hinaus. Und meine Sorge um Carl, der mit dem Kopf irgendwo in den Wolken hing, war völlig begründet. Er merkt gar nicht, wie er lachend in die Kreissäge rennt und das sogar freiwillig, weil er Handlungen und Worten vertraut, die ihn einwickeln, die ihm eine Welt vorgaukeln, die so niemals existieren wird… Und an deren Ende die Hölle auf ihn wartet. Chis Pläne sind grausam, abartig und pervers im schlimmsten Sinne des Wortes. Dekadent und widerlich ekelhaft. Er ist den Dreck unter Carls Schuhen nicht wert und auch nicht den Sauerstoff den er atmet. Er ist gar nichts wert, denn er besitzt weder Anstand noch irgendetwas, das man als Menschlichkeit durchgehen lassen könnte. „Er wird Carl zerstören.“ Dessen war ich mit absolut sicher, als sie sich zum Abendessen treffen und Chi seine Pläne für Carl Revue passieren ließ. Und mit dieser Erkenntnis liefen mir die ersten Tränen über die Wangen… Carl ist das Licht und Chi die Dunkelheit, die es verschlingen, auskotzen und zerstören wird…. Es wurde mit jeder Seite schlimmer für Carl… So viel schlimmer…

Menschliche Abgründe taten sich auf, verschlangen alles was gut, leuchtend und rein war und hinterließen nichts als widerlichen Dreck und abgrundtiefe Boshaftigkeit. Ekel machte sich in mir breit und ich wollte Chi einfach nur noch umbringen. Nicht schnell. Schmerzvoll sollte es sein, langsam und vor allem so, dass er alles mitbekommt und bis zu seinem letzten Atemzug nichts davon vergisst. Dieses dreckige Stück wertlose Scheiße.

Dass Carl in diesem Horror noch seine Würde behielt, kämpfte und sogar etwas ähnliches wie einen Sieg errang, war beinahe unglaublich. Er ist wahnsinnig stark und ich habe seine Haltung bewundert. Habe ihn bewundert, wie er sich weder seinen Stolz noch seine Würde nehmen ließ, obwohl im das Schlimmste angetan wurde, was einem Menschen nur angetan werden kann. Verratenes Vertrauen schlägt Wunden die niemals ganz heilen können. Diese Wunden können vernarben, sich aber niemals ganz schließen… Es bleibt immer eine kleine Stelle, die sofort wieder blutet, sobald man nur darüber streicht… Er behauptete von sich, dass ihm alles egal wäre aber ich sah das anders. Jemand dem alles egal ist, der lässt alles einfach geschehen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, der blendet aus und ignoriert. Carl aber hat Rachegedanken und die hat man nicht, wenn man keine Hoffnung hegt.

Caros Schicksal ging mir mit am nähesten. Was mit ihm geschah, was ihm angetan und genommen wurde, war brutal und ich wollte mir nicht ausmalen, was das Erlebte mit ihm gemacht hatte. Folter ist eine Sache, grausame Brutalität die keinen Rückzugsort lässt, eine andere…

Yann C. Kee ist mit diesem Buch etwas absolut einmaliges und außergewöhnliches gelungen. Selten passiert es mir, dass ich Charaktere in Büchern schon nach wenigen Sätzen hasse oder liebe. Bei diesem Buch war es so und ich habe schlagartig Stellung bezogen und meine Sympathien und Antipathien wie Blütenblätter auf einer Hochzeit verteilt. Reichlich und mit vollen Händen. Dieses Buch klingt nach und lässt mich nicht mehr los. Es fraß sich in meine Gedanken und nahm Raum ein, wie kaum ein anderes Buch zuvor, denn diese Gegensätzlichkeit zwischen der Sprache des Autors und dem Grauen, das damit beschrieben wurde ist einmalig und verleiht diesem Buch einen Zauber, den ich in dieser Form bisher nur sehr selten lesen durfte.

Erscheinungsdatum: 18. März 2022
Seitenzahl Taschenbuch: 208